Bruckner-Sinfonien: Aufnahmen (Referenz)

6 Jan

bruckner-geldscheinIn den vergangenen Monaten haben wir bereits einige große Symphoniker und die jeweiligen Referenzaufnahmen ihrer Symphonien vorgestellt: Mahler-Symphonien, Brahms-Symphonien, Beethoven-Symphonien oder auch einzelne Symphonien, wie z.B. die Referenzaufnahmen der Symphonie fantastique von Berlioz. Daher ist es Zeit, einen weiteren der ganz großen Symphoniker vorzustellen und einen Blick auf die Referenzaufnahmen seiner Sinfonien zu werfen: Anton Bruckner (1824-1896). Auch Bruckner hat, wie viele seiner großen Sinfoniker-Kollegen, neun Symphonien komponiert (ebenso wie Beethoven, Schubert, Dvořák, Glasunow, Mahler, Vaughan Williams oder Schnittke). Bruckner komponierte seine Sinfonien über einen Zeitraum von 30 Jahren: Seine 1.Sinfonie in c-Moll (WAB 101) erschien 1866 und bei seinem Tod im Jahre 1896 arbeitete Bruckner an seiner 9. Sinfonie in d-Moll (WAB 109). Entsprechend bietet eine Gesamtaufnahme der Sinfonien Bruckners einen hervorragenden Querschnitt durch sein gesamtes musikalisches Schaffen – von den “frühen” Anfängen (Bruckner war ein spätberufener Sinfoniker; sein Frühwerk umfasst v.a. Geistliche Vokalmusik) bis zum reifen Spätwerk. Die Sinfonien liegen in zahlreichen Einzel- und Gesamtaufnahmen vor, so dass der Griff zur ‘richtigen’ Aufnahme nicht leicht fällt. Wir stellen daher in diesem Artikel zwei Gesamtaufnahmen von Bruckners Symphonien vor, die als Referenzaufnahme gelten können.

Bruckner: Referenzaufnahmen der Sinfonien – Nr. 1: Günter Wand (1974-81)

Günter Wand (1912-2002) hat die Bruckner-Sinfonien mit verschiedenen Orchestern aufgenommen. In den Jahre 1974-81 entstand eine Gesamtaufnahme mit dem Kölner Rundfunkorchester (WDR Rundfunkorchester Köln), da Wand, 1974 im Streit aus Köln und vom Gürzenich-Orchester Köln fortgegangen, der Domstadt bis zu seinem Lebensende eng verbunden blieb. Vielleicht gibt es keinen Dirigenten, dessen Karriere so eng mit dem Namen Bruckners verbunden ist, wie Günter Wand. Bezeichnenderweise sollte seine erste Einspielung nach seinem Fortgang aus Köln die 5. Sinfonie Bruckners sein (mit dem Symphonie-Orchester Bern) – eine Einspielung, die der bis dato soliden, aber unspektakulären Karriere Wands einen ordentlichen Sprung verpassen sollte: zum Weltruhm nämlich; und als er sich 1979 aus Bern verabschiedete, tat Wand das natürlich erneut mit einer Sinfonie Anton Bruckners, der 8. Sinfonie. Das nationale und internationale Feuilleton kam Ende der 70er und Anfang der 80er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und lobte Wands Bruckner-Aufnahme als den “Triumph des Unspektakulären” (siehe hier). Ebenfalls räumten diese Einspielungen zahlreiche Schallplatten- und Kritikerpreise ab. Bis heute muss sich jede neue Bruckner-Aufnahme an dieser Sinfonien-Referenzaufnahme von Günter Wand messen. Klanglich sind die späteren Aufnahmen Wands mit den Berliner Philharmonikern selbstverständlich zu bevorzugen, aber die Kölner Einspielung des Mitsechzigers Wand sind so jugendlich frisch, als hätte er sie als junger Mann eingespielt. Ohne zu viel Biographisches in die Einspielung hineinhören zu wollen, lässt sich spekulieren, ob der frische Neuanfang Wands und die beginnende internationale Wertschätzung seiner Leistungen, dem Dirigenten einen Aufwind verliehen haben, der ihn auf verjüngende Art und Weise beflügelte. Gleichwohl: Diese Aufnahme gehört in jedes Plattenregal, als Referenzaufnahme, als Messlatte für alle anderen (früheren und späteren) Einspielungen der Bruckner-Sinfonien. Ein absolutes Muss und zudem als Box-Set günstig zu erhalten.

Hier geht es zur Referenzaufnahme der Bruckner-Sinfonien mit Günter Wand.

Bruckner: Referenzaufnahmen der Sinfonien – Nr. 2: Eugen Jochum (1957–67)

Wer Bruckner sagt muss auch Jochum sagen. Dieses Credo ist für viele Bruckner-Begeisterte bis heute eine unumstößliche Wahrheit. Viele Liebhaber stellen Jochum sogar noch über Wand. Aber symphonische Musik ist kein Wettkampf und es spielt keine Rolle, ob Wand oder Jochum die messbar bessere Leistung erzielt haben; wichtig ist, dass Jochums Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien einen Meilenstein in der Geschichte der Bruckner-Einspielungen darstellt. Jochum (1902-1987) debüttierte mit einer Bruckner-Symphonie (1926 mit der 7. Sinfonie) und sollte zeitlebens immer wieder zum österreichischen Sinfoniker zurückkehren; in seiner Eigenschaft als Dirigent, aber auch als Präsident der Internationalen Bruckner-Gesellschaft (deutscher Zweig) oder als Akademiker, der sich mit den verschiedenen Fassungen der Sinfonien wissenschaftlich auseinandersetzte und diverse Schriften zu diesem Thema publizierte. Konsequenterweise wurde Jochum auch mit der Bruckner-Medaille geehrt. Die hier präsentierte Aufnahme entstand über einen Zeitraum von fast 10 Jahren, zwischen 1957–1967. Er dirigiert auf dieser Aufnahme zwei Orchester, einmal die Berliner Philharmoniker (1,4,7,8,9) und dann das Symphonieorchester des BR (2,3,5,6), so dass es keine Gesamtaufnahme im ganz strengen Sinne ist; dennoch wirkt der Klang des Orchesters und der Aufnahmen erstaunlich homogen. An manchen Stellen (etwa im Finale des ersten Satzes der 3. Sinfonie (“Misterioso”) oder im Scherzo der 7. Sinfonie) ist Jochums Aufnahme sogar der Wands vorzuziehen. Klanglich und interpretatorisch ist das Ganze bei Jochum sehr rund. Preislich ist die GA nicht ganz so günstig, wie die von Wand, aber für echte Liebhaber und Bruckner-Enthusiasten sollte der Preis von (aktuell) rund 50€ kein Hinderungsgrund sein – schließlich bekommt man sehr viel brillante Musik für das Geld geboten und wird an dieser Einspielung auch in 30 Jahren noch sehr viel Freude haben.

Hier geht es zur Referenzaufnahme der Bruckner-Sinfonien mit Eugen Jochum.


Erwähnenswerte Einzelaufnahmen der Bruckner-Sinfonien

Nicht jeder hat ein Interesse an allen neun Symphonien Bruckners. Manchem Liebhaber symphonischer Musik genügt eine gute Aufnahme der 4. Sinfonie (die sog. “Romantische”) oder der letzten, der 9. Sinfonie mit ihrem jenseitigen letzten Satz (“Dem lieben Gott gewidmet”). Eine vollständige Liste aller empfehlenswerten Bruckner-Einspielungen zu geben ist schier unmöglich. Wir geben an dieser Stelle nur fünf Hinweise auf Einzelaufnahmen, die besonders aus der Menge hervorstechen und den Status von Referenzaufnahmen genießen können. Vorschläge zu anderen Aufnahmen können Sie gerne in der Kommentar-Sektion dieses Artikels (s.u.) hinterlassen!

Ein Kommentar zum Artikel “Bruckner-Sinfonien: Aufnahmen (Referenz)”

  1. Thomas Schipperges 21. Dezember 2016 at 13:33 #

    Hören Sie doch bitte einmal in die Tintner-Aufnahmen hinein.
    http://www.pizzicato.lu/der-ganze-tintner-bruckner/
    Mit besten Grüßen
    thms schpprgs

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