Wagner, Parsifal: Referenzaufnahme

16 Mai

parsifal_referenzaufnahme Im Wagner-Jahr 2013 ist das Interesse an dem großen Opernkomponisten selbstverständlich stark gestiegen. Wir veröffentlichen daher auf Referenzaufnahme eine Reihe von Artikeln, die sich mit den besten Wagner-Aufnahmen beschäftigen werden. Den Anfang der “Referenzaufnahme Richard Wagner”-Artikelreihe macht dabei die letzte Oper Wagners, nämlich der Parsifal, der im Jahr 1882, also ein Jahr vor Wagners Tod, uraufgeführt worden ist. Die Oper, bzw. das Bühnenweihfestspiel, wie er es nannte (ein musikalisches Gesamtkunstwerk), beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um die Gralssage, nachdem Wagner sich zuvor in seinen Opern mit der germanischen Mythologie auseinandergesetzt hatte (die letzte Oper, die Wagner vor dem Parsifal komponiert hatte war die Götterdämmerung aus dem Zyklus Der Ring des Nibelungen). Der Bruch zwischen nordischer Mythologie (im Ring) und christlicher Mythologie (im Parsifal) wurde von Wagners Zeitgenossen als sehr stark empfunden und viele seiner bisherigen Bewunderer und Freunde wendeten sich nach der Uraufführung von Wagner ab. Prominentester Parsifal-Gegner war der Philosoph Friedrich Nietzsche, der seine freundschaftlichen Beziehungen zu Wagner nach 1882 komplett einstellte. Heutzutage erscheint der thematische Bruch zwischen Wagners früherem Schaffen und seinem Alterswerk zwar nicht weniger krass, jedoch würde heute kaum noch ein Wagnerianer ernsthaft den Themenwechsel als ideologisch problematisch betrachten (ungenommen aller Ideologiekritik, die für Wagners Werk sicherlich ihre Berechtigung hat). Der Parsifal gehört heute zu den meistgespielten Wagner-Opern weltweit (noch vor Siegfried, Götterdämmerung, Tannhäuser, Lohengrin oder den Meistersingern – Quelle operabase.com). Da im Laufe der Zeit zahlreiche Aufnahmen vom Parsifal entstanden sind, haben wir einen Blick auf die besten Aufnahmen, die kanonischen Einspielungen, kurz: auf die Parsifal-Referenzaufnahmen geworfen und stellen in diesem Artikel zwei solcher Referenzen vor.

Wagner: Parsifal-Referenzaufnahme Nr. 1: Sir Georg Solti (1972)


Vielleicht die unangefochtene Nummer Eins, diese Solti-Einspielung aus den frühen 1970er Jahren. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Der wichtigste jedoch: Das Solistenensemble. Hier die Besetzungsliste, die die Augen jedes Opernliebhabers zum Leuchten bringen dürfte: René Kollo (Parsifal), Christa Ludwig (Kundry), Dietrich Fischer-Dieskau (Amfortas), Hans Hotter (Titurel), Gottlob Frick (Gurnemanz) und Zoltán Kelemen (Klingsor). So viele Stars muss man für eine Aufnahme erst einmal zusammenbekommen können! Und wer das vollbracht hat ist niemand Geringeres als der britisch-ungarische Dirigent Sir Georg Solti (1912-1997). Unter seinem Dirigat spielt eines der besten Orchester seiner Zeit, die Wiener Philharmoniker. Es singt dazu der Chor der Wiener Staatsoper. Eigentlich könnte man die Empfehlung dieser Aufnahme an dieser Stelle getrost beenden. Die Besetzung spricht für sich. Man könnte jedoch auch noch anführen, dass der Harenberg-Opernführer diese Aufnahme als die unangefochtene Referenzaufnahme des Parsifal bezeichnet (ein Urteil, dem wir – bei aller kritischen Distanz zum Harenberg – an dieser Stelle nicht widersprechen wollen!). Anders als die unten vorgestellte zweite Referenzaufnahme (von Knappertsbusch) handelt es sich bei Soltis Parsifal um eine Studioaufnahme, so dass die Klangqualität wirklich ausgezeichnet ist und es keine störenden Nebengeräusche zu hören gibt. Gäbe es eine “Checkliste” für alle Punkte, die eine wirklich herausragende Einspielung des Parsifal erfüllen müsste, die Solti-Aufnahme könnte jeden dieser Punkte mühelos abhaken. Sie ist sehr rund und ein wahrer Hörgenuss, der zum ständigen Wiederhören einlädt.

Hier geht es zur Referenzaufnahme des Parsifal mit Sir Georg Solti aus dem Jahre 1971.

Referenzaufnahme Parsifal, Nr. 2: Hans Knappertsbusch (1962)


Vielleicht ist kein anderer Dirigenten-Name so sehr mit Wagners Parsifal verbunden, wie der Name Hans Knappertsbusch. Er zählte in der Jahrhundertmitte zu den größten Bewunderern des Parsifal und führte diesen unzählige Male auf, darunter vielmals in Bayreuth, wo auch die vorliegende Referenzaufnahme herkommt, die ein Live-Mitschnitt von den Festspielen ist. Und das ist auch wirklich schon der einzige Kritikpunkt an der Aufnahme. Durch die Live-Aufnahme ist die Tonqualität natürlich bei weitem nicht so klar und brillant wie bei einer Studioaufnahme; ferner gibt es lästige Nebengeräusche, das Husten des Publikums (besonders im ruhigen Vorspiel z.T. recht ärgerlich), das Knarzen der Theaterbühne und dergleichen mehr. Das war’s. Mehr Kritik ist an dieser Aufnahme nicht zu machen. Das Vorspiel fällt sofort auf, es ist sehr viel langsamer, getragener, ruhiger, erhabener und würdevoller als manch heutige Aufnahme. Knappertsbusch hat Zeit, er weiß, dass sich der quasi-spirituelle Effekt, den das Vorspiel erzeugt, nur über die Zeit einstellen kann. Über 12 Minuten lässt er das Orchester der Bayreuther Festspiele daher erklingen (im Vergleich: Christian Thielemann braucht eine ganze Minute weniger). Dann setzt der erste Akt ein: “He! Ho! Waldhüter ihr!” Hans Hotter als Gurnemanz (bei Solti gibt er später den Titurel) verleiht der Rolle eine Würde und Weisheit, die sehr treffend ist. Der amerikanische Wagner-Tenor Jess Thomas (ein Star auf der Bayreuther Bühne der 1960er Jahre) ist ein herausragender Parsifal; beim Anhören dieser Parsifal-Einspielung muss man unweigerlich zu dem Urteil gelangen, dass Thomas zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Die Kundry von Irene Dalis ist boshaft und geheimnisvoll und damit eine ausgezeichnete Balance zwischen Sangeskunst und Rollenverständnis. Diese bestimmt auch die Amfortas-Darbietung von George London. Abgerundet wird das Ensemle durch die hörenswerten Martti Talvela (Titurel) und Gustav Neidlinger (Klingsor). Dirigat, Orchesterspiel, Solisten und Ensemble geben ihr bestes und lassen die Aufnahme zur absoluten Referenz werden, die in keinem CD-Regal und erst recht in keiner Wagner-Sammlung fehlen darf. Lediglich audiophile Klassikliebhaber dürften bedauern, dass die Klangqualität des 60er-Jahre-Livemitschnitts nicht gerade modernen Standards entspricht. Die Interpretation tröstet dann aber sehr schnell über dieses kleine Manko hinweg.

Hier geht es zur Referenzaufnahme des Parsifal mit Hans Knappertsbusch aus dem Jahre 1962.


Weitere gute Parsifal-Aufnahmen

Abschließend fügen wir den oben gegebenen ausführlichen Besprechungen der beiden Referenzeinspielungen noch eine kurze, weitestgehend unkommentierte Liste von Parisfal-CDs hinzu, die hörenswert sind, ohne dass man bei ihnen notwendigerweise von klaren Referenzaufnahmen sprechen würde. Wie immer fordern wir hiermit alle Leserinnen und Leser auf, über die Kommentarfunktion dieses Blogs weitere Vorschläge zu machen oder zu berichten, welche Wagner-Einspielungen ihnen am besten gefallen.

  • Parsifal (Christian Thielemann), Wiener Philharmoniker. Mit Plácido Domingo, Waltraud Meier, Falk Struckmann, Franz-Josef Selig. (2005)
  • Parsifal (Pierre Boulez), Orchester der Bayreuther Festspiele. Mit Gwyneth Jones, Franz Crass, Thomas Stewart, James King, Donald McIntyre und Karl Ridderbusch. (1970)
  • Parsifal (Herbert von Karajan), Berliner Philharmoniker. Mit José van Dam, Kurt Moll, Peter Hofmann, Victor von Halem, Dunja Vejzovic und Siegmund Nimsgern. (1980)

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  1. Technikabend - Analog gegen Digital / PhonoPhono - PhonoPhono High Fidelity in Berlin - 4. September 2016

    […] Wiedergabe-Geräte zur Hand. Daher wird die 1962-Aufnahme häufig als klanglich schlecht beurteilt. Siehe Beispiel. Ein schönes Beispiel dafür, wie schnell auch erfahrene Musik-Hörer sich wegen schlechter […]

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