Referenzaufnahme: Brahms-Symphonien

3 Sep

“Lieben Sie Brahms?” So lautet der Titel eines Films von Anatole Litvak mit Ingrid Bergman, Anthony Perkins und Yves Montand in den Hauptrollen (1961) nach dem gleichnamigen Roman von Françoise Sagan. Die Frage, ob man Brahms liebt, wird von vielen Musikliebhabern oft emphatisch bejaht: Natürlich, wie kann man Brahms nicht lieben? Wer den Film gesehen hat, wird sich an die Filmmusik erinnern, die -natürlich- von Johannes Brahms stammt. Besonders der flehend-eindringliche dritte Satz aus der 3. Symphonie (op. 90, Poco Allegretto) zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und verleiht diesem seine ganz besondere Dramatik. Wer also Brahms im Allgemeinen und seine Symphonien im Besonderen liebt, der wird sich auf der Suche nach einer herausstechenden Referenzaufnahme der vier Brahms-Symphonien vor einer Vielzahl von Aufnahmen stehen. Wir stellen zwei Aufnahmen vor, die alle vier Brahms-Symphonien beinhalten und als Referenz gelten können.

Referenzaufnahme der Brahms-Symphonien, Nr. 1: Rattle

Der Brite Sir Simon Rattle (Jahrgang 1955, geboren in der ‘Beatles-Stadt’ Liverpool) leitet seit 2002 in der Nachfolge von Claudio Abbado die Berliner Philharmoniker. Durch den dokumentarischen Film “Rhythm Is It!” erlangte er Berühmtheit – auch bei einem Publikum, das ansonsten nicht zu den Stammgästen der Berliner Philharmonie zählen dürfte. Er hat seitdem einige zentrale Werke von Johannes Brahms mit den Berlinern aufgenommen, darunter das Deutsche Requiem (mit Thomas Quasthoff zusammen), die Klavierkonzerte (mit Krystian Zimerman) und eben auch – die vier Symphonien. Die Brahms-Symphonien nahm er im Jahr 2009 auf. Die Fachpresse war sofort begeistert und geizte nicht mit Lobeshymnen: Eine “beglückende Synthese aus Tradition und Neulektüre der Partituren” schrieb die SZ (27.08.2009), die FAZ lobte das Orchester, das so “fabelhaft in allen Soli” gewesen sei (FAZ 15.08.2009) und die NZZ brachte es mit dem Begriff “Referenzaufnahme” (04.09.2009) auf den Punkt. Diese Aufnahme der Brahms-Symphonien kann schon jetzt als eine Referenzaufnahme angesehen werden; nicht nur weil sie klanglich höchste Perfektion erreicht, sondern auch weil sie musikalisch gekonnt zwischen emotionaler Subtilität und expressivem Gesamtgestus changiert. Ganz gleich, ob man die Symphonien zum ersten Mal hört oder sie in und auswändig kennt: diese Aufnahme wird sicherlich jeden begeistern und gehört im 21. Jahrhundert zu den ersten großen Referenzaufnahmen symphonischer Musik. Für derzeit 27,99 EUR erhält man alle vier Symphonien auf 3 CDs mit schönem Beiheft.

Hier geht es zur Referenzaufnahme der Brahms-Symphonien mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern (EMI Classics, 2009).

Referenzaufnahme der Brahms-Sinfonien, Nr. 2:

Als zweite empfohlene Referenz in Sachen Brahms-Sinfonien sei die Einspielung eines anderen Dirigenten erwähnt, wenn auch mit dem gleichen Orchester, nämlich den Berliner Philharmonikern. Diese spielten mit zahlreichen ihrer Chefdirigenten die Brahms-Sinfonien ein. Einer davon, dessen Aufnahme ebenfalls eine Referenz in Sachen Brahms-Sinfonien ist, ist (natürlich) Herbert von Karajan. Seine Einspielungen der Sinfonien von Johannes Brahms gelten bis heute vielen Kritikern und Dirigenten-Kolleginnen und -kollegen als großer Maßstab. Joachim Kaiser betitelte seine Aufnahme der 1. Sinfonie schlicht als “grandios” (SZ, 04.04.2008) und zitiert Barenboim, der über Karajans Brahms gesagt haben soll, “diese Brahms-Sinfonie soll ihm erst mal jemand nachdirigieren” (Ibid.) Die erste GA der Sinfonien durch Karajan ist musikalisch die interessantere. Sie stammt aus den späten 70er Jahren (VÖ 1978) und ist klanglich auf dem Stand ihrer Zeit. Ihr unruhiger, vorwärtsgerichteter, fast schon sehnsüchtiger Charakter scheint ganz im Sinne Brahms’ zu liegen; v.a. im letzten Satz der e-Moll-Sinfonie Nr. 4, der mit Allegro Energico E Passionato überschrieben ist – hier kommen die exzellenten Blechbläser der Berliner unter Karajan besonders gut zur Geltung. Auch diese GA kommt auf 3 CDs daher und beinhaltet zudem noch Brahms Tragische Overtüre op.81 sowie die berühmten Variationen über ein Thema von Haydn op.56a (an diesen Variationen lässt sich von Brahms-Neulingen übrigens viel über Brahms lernen, da man hier deutlich hört, wie dramatisch er mit dem leicht-beschwingten Thema Haydns umgeht, etwa in der 6. Variation: Vivace). Wer also kein Problem damit hat, sich zwei Brahms-GA zu erstehen, die beide Male von den Berliner Philharmonikern gespielt werden, der sollte zusätzlich zu Rattle unbedingt noch den Karajan erwerben.

Hier geht es zur Referenzaufnahme der Brahms-Sinfonien mit Karajan (DGG, 1978)

Weitere Aufnahmen der Symphonien von Brahms

Da sich Dirigenten offensichtlich leichter tun mit den Brahms-Sinfonien als der Komponist selber (der erst spät und mit großer Anstrengung die Angst vor seinem geistigen Vorbild, Beethoven, ablegte und sich selbst an die Komposition symphonischer Musik wagte), ist die Zahl der GA so groß, dass es schwer fällt, nur zwei Aufnahmen als wirkliche Referenzen herauszupicken. Hier seien an dieser Stelle daher ohne weitere Erläuterungen noch zwei weitere Aufnahmen erwähnt, die der- oder demjenigen gefallen dürften, der/die über die beiden o.g. Aufnahmen noch mehr Brahms hören möchte.

Bildnachweis: Brahms, by Pink Dispatcher, via flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0. Link zum Bild.

3 Kommentare zum Artikel “Referenzaufnahme: Brahms-Symphonien”

  1. Hans 30. Januar 2013 at 06:11 #

    Da fehlen einige sehr hörenswerte wie Gardiner oder Norrington

  2. Tom 5. September 2013 at 12:03 #

    Ich kann mit den vorgestellten Aufnahmen gut leben, verstehe aber nicht, wieso Günther Wands aufnahme mit dem NDR-Sinfonieorchester nicht erwähnt wird. Meiner Meinung nach eine wrklich hervorragende Aufnahme, an Werktreue kaum zu übertreffen.

    • Herbert S. 4. Februar 2014 at 06:00 #

      Ich verstehe schon, weshalb die Aufnahmen Wands außen vor gelassen wurden – selten so etwas Mißverstandenes gehört, allein der 4te Satz der 1ten Symphonie ist an Grausamkeit gegenüber Brahms wohl kaum zu überbieten. Die Einspielungen Wands sind ebenso gefühlos wie es dem norddeutschen Lande an markanten Landschaften fehlt.

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